Nachhaltigkeit sichtbar machen: Interview mit Chris Adams zu carbon.txt
Chris, carbon.txt wirkt wie eine sehr praktische, webnative Antwort auf ein komplexes Problem. Welche Lücke wolltet ihr damit schließen?
Uns ging es vor allem um ein Auffindbarkeits-Problem: Es gibt zwar inzwischen jede Menge neue Standards, die festlegen, welche Informationen offengelegt werden müssen, wenn ein Unternehmen Nachhaltigkeitsaussagen über sich oder seine digitalen Dienste trifft. Manche davon sind sogar Gesetz: In den USA etwa der Climate and Corporate Data Accountability Act in New York und Kalifornien, in Europa die Corporate Sustainability Reporting Directive. Auch die Frage, wie viel Energie oder Wasser Rechenzentren verbrauchen, ist in Europa längst gesetzlich geregelt – über die Energy Efficiency Directive.
Die Daten sind also da. Sie werden gesammelt, sie werden offengelegt. Nur: Offenlegung heißt noch lange nicht, dass man sie auch findet.
Chris Adams von der Green Web Foundation
Genau – Nachhaltigkeitsbemühungen sind auf Websites oft irgendwo versteckt. Wie verändert carbon.txt das?
carbon.txt soll für Nachhaltigkeit das werden, was robots.txt für Suchmaschinen ist: ein fester Ort, an dem man weiß, wo man nachschauen muss. Sobald für eine Domain klar ist, wo bestimmte Informationen liegen und wofür sie gedacht sind, lassen sich daraus neue Dienste bauen – oder Daten überhaupt erst strukturiert finden.
Ursprünglich sollte carbon.txt Organisationen helfen, die ohnehin schon gesetzlich zur Offenlegung verpflichtet sind. Aber ein guter offener Standard bleibt nicht stehen: Wir arbeiten mittlerweile mit Open-Source-Projekten wie Wagtail CMS zusammen, um carbon.txt direkt ins Tooling zu integrieren, und mit der Green Software Foundation an Nachhaltigkeits-Scores für ihren neuen Software Carbon Intensity for Web-Standard.
Was braucht es tatsächlich, um eine carbon.txt-Datei live zu bringen – wie viel Aufwand ist das?
Nicht mehr, als eine robots.txt-Datei hochzuladen – vorausgesetzt, du hast direkten Zugriff auf deine Website. Das war uns wichtig: Auch kleine Projekte sollen schnell starten können.
Bei größeren Projekten ist das oft komplizierter, weil eben nicht jeder einfach Dateien hochladen kann. Dafür gibt's einen anderen Weg: Man weist nach, wo die Daten liegen – ähnlich wie beim Nachweis gegenüber Google, dass einem eine Domain gehört.
Mit direktem Zugriff dauert das Ganze vielleicht eine halbe Stunde. Ohne hängt es vor allem davon ab, mit wie vielen Leuten man sprechen muss – meistens ist es eine weitere Person.
Wo endet das Tooling der Green Web Foundation, wo beginnt die eigentliche Arbeit der Organisationen?
Unser Tooling soll verantwortungsbewussten Technolog*innen helfen, die Umweltauswirkungen digitaler Dienste zu verstehen und zu managen. Aber damit ist es nicht getan. Wir mischen uns auch politisch ein, gestalten an Gesetzen mit, arbeiten an technischen Standards und veröffentlichen Berichte, die die Debatte voranbringen.
Ein gutes Beispiel dafür ist unser Bericht „State of the Fossil Free Internet" – der hat mit unseren Tools eigentlich gar nichts zu tun, hilft aber enorm, das Thema besser zu verstehen.
Was, wenn ein Unternehmen noch gar keinen Nachhaltigkeitsbericht hat – kann es trotzdem von carbon.txt profitieren?
Auf jeden Fall! Ursprünglich ging es uns darum, bestehende Nachhaltigkeitsberichte auffindbar zu machen. Inzwischen sehen wir aber viele Fälle, in denen Unternehmen carbon.txt nutzen, um den ökologischen Fußabdruck ihrer Websites offenzulegen – oder um Zertifizierungen sichtbar zu machen.
Wir bauen gerade eine formale Unterstützung für Zertifizierungssysteme ein. Wer zum Beispiel den Blauen Engel für seine Software hat (ja, den gibt's wirklich!), kann das künftig einfach und maschinenlesbar angeben. Ähnliches planen wir mit dem W3C und der Green Software Foundation für die neue SCI-Web-Spezifikation.
Wie sieht Erfolg für carbon.txt in 5 Jahren aus?
Bis dahin soll carbon.txt der Standardweg sein: Kennst du die Domain eines Unternehmens, findest du über carbon.txt sofort dessen Nachhaltigkeitsdaten.
Vielleicht taucht das dann einfach im Browser auf, falls es die noch gibt. Oder ein KI-Agent weiß von selbst, wo er zuerst nachschauen muss, wenn jemand nach der Nachhaltigkeit eines Unternehmens fragt.
Im Idealfall wird carbon.txt genau wie robots.txt: allgegenwärtig, unverzichtbar – und ein kleines bisschen langweilig. Auf die gute Art. Und wenn eine Website behauptet, fossilfrei zu laufen, zeigt carbon.txt die Daten dahinter – damit man ihr auch wirklich vertrauen kann.
Vielen Dank für das Interview, Chris!
So bindest du carbon.txt in unter zwei Minuten ein
- Datei erstellen: Auf carbontxt.org den File Builder aufrufen und eintragen, wo deine Nachhaltigkeitsdaten liegen und bei welchem Hoster du deine Website betreibst.
- Datei herunterladen und hochladen: Die generierte Datei herunterladen und auf deinen Server laden.
- Validieren: Auf carbontxt.org zur Validierungsseite gehen, deine Domain eintragen und prüfen lassen.
Fertig – deine Nachhaltigkeitsinformationen sind transparent, maschinenlesbar und für alle nachvollziehbar. Bei mittwald ist das Ganze zum Beispiel unter https://mittwald.de/carbon.txt einsehbar.
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