Uniformes Webdesign: Langweilig oder smart?

Uniformes Webdesign: Langweilig oder smart?

Das Web sei langweilig geworden, Design austauschbar und neue Ideen seien schwerer zu finden als die Nadel im Heuhaufen – sagen die einen. Das Web würde stetig besser werden und Designer würden einen großartigen Job machen – sagen die anderen. Schauen wir uns die verschiedenen Positionen in diesem Blog-Beitrag doch mal aus der Nähe an.

  1. Design von der Stange?
  2. Was zeichnet ein gutes Design aus?
  3. Und was ist mit Webdesign?
  4. Gleichartigkeit im Design
  5. Und was ist mit der Individualität?
  6. UX-Design als formale Disziplin?
  7. Emotionalität und Rationalität als Gegenspieler?
  8. UX-Designer wundern sich
  9. Fazit: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

(Bild: Pixabay.com)

Design von der Stange?

Wenn Design ohnehin von der Stange kommt, können es auch die Maschinen erledigen.

Travis Gertz

Den wohl radikalsten Standpunkt vertritt Travis Gertz, Designer und Gründer von Louder Than Ten. Er kommt aus dem Printdesign und hat von daher ohnehin eine kritische Haltung zum Webdesign, die er in diesem sehr langen, aber lesenswerten Artikel zum Ausdruck bringt. Danach befinden wir uns schon kurz vor der digitalen Apokalypse.

Trotz der provokanten Thesen, die Travis vertritt, ist sein Diskussionsbeitrag durchaus wertvoll. Nach seiner Auffassung ist das heutige Web tatsächlich austauschbar eintönig geworden. Die Langeweile beziehe sich dabei nicht nur auf immer gleiche Designs, sondern ausdrücklich auch auf immer langweiligere Inhalte, die dann vom abwechslungslosen Design langweilig in Szene gesetzt werden.

Designmaschinen

Designmaschinen: Visuell gut aufbereiteter Artikel von Travis Gertz (Screenshot: Louder Than Ten)

Gertz macht im Wesentlichen einen Faktor für den Niedergang der individuellen Kreativität verantwortlich, nämlich Druck. Dieser Druck werde erzeugt durch mehrere Aspekte. Zum einen gälte es, den stetig steigenden Ansprüchen an auswertbarer Statistik gerecht zu werden.

Zugriffszähler, A/B-Tests und sonstige Techniken, um den Besucher auszuforschen, griffen dabei nach Auffassung von Gertz viel zu kurz, da menschliche Reaktionen nicht rein technisch interpretiert werden können. Generell führten die gleichen Auswertemethoden schlussendlich zu gleichem, mindestens ähnlichem Design.
Hierdurch werde die Kultur der Copycats begünstigt. Man bediene sich mehr oder weniger ungeniert bei erfolgreichen Wettbewerbern und setze deren funktionierenden Konzepte für die eigenen Designs unreflektiert als richtig voraus. So werde man aber dem individuellen Design-Projekt nicht gerecht und liefere sicherlich keine grandiose Ergebnisse.
Zudem gibt es nach Meinung von Gertz eine gravierende Inhalte-Problematik im Web. Inhalte würden vorzugsweise so billig und mit so wenig Aufwand wie möglich produziert. Professionelle Schreiber spielten in der Mehrzahl der Webdesign-Projekte keine Rolle. Dabei entstehe langweiliger Inhalt, der dann fast schon logischerweise von langweiligem Design umfasst werde.

So kommt Gertz letztlich zu dem Ergebnis, dass Webdesign schon jetzt faktisch maschinell erstellt wird. Der durchschnittliche Designer produziere unter dem Druck falscher Metriken, fehlenden Mutes zum Risiko und wertlosen Inhalten ein Produkt von der Stange, ein Webdesign wie eine Schuluniform – immer gleich, nur in der Größe variierend.

Wenn es aber schon so weit gekommen sei, könne man auch gleich den Maschinen das Design überlassen. Dienste wie Squarespace oder The Grid seien teils sogar besser geeignet als die designende Mensch-Maschine. Speziell The Grid kümmere sich mehr um Inhalte als so mancher professioneller Designer, wenn es seinen semantischen Ansatz zum Einsatz bringe. Es erlaubt das automatische Design auf der Basis eines intelligenten Assistenten. Dabei wird nicht designspezifisch, sondern zielorientiert gefragt. Der Kunde sagt dem Dienst, was er erreichen will, aber nicht wie er es sich optisch vorstellt.

War es das also? Können sich Designer also direkt umschulen lassen? Nein, sagt Gertz. Sie müssten nur weg von der Metrik-Gläubigkeit hin zu mehr Risiko und zu mehr Leidenschaft.

Im letzten Teil seines Artikel stellt Gertz Prozesse im Printdesign denen im Webdesign gegenüber. Während das Printdesign, jedenfalls idealerweise den Inhalt zum Ausgangspunkt der Designüberlegungen mache, sei das im Webdesign bestenfalls noch als globale Grundentscheidung so. Im Detail würde im Webdesign dann doch eher auf der Basis vorgefertigter Strukturmodelle gearbeitet. Die gäbe es zwar im Printdesign auch, jedoch seien sie dort viel flexibler und kleinteiliger und weit besser an konkrete Inhalte anpassbar.

(Quelle: Louder Than Ten)

In der Tat wird niemand bestreiten, dass qualitativ hochwertige Magazine in Bild und Text eine Einheit bilden, die in der Regel zu einem besseren Lese-Erlebnis führt, als man das im Web zu finden gewohnt ist.

Gertz fordert Designer schlussendlich auf, entweder die Inhalte professionell zu produzieren und entsprechend in Szene zu setzen oder aufzugeben und das Feld für Design-Technokraten frei zu machen.

Mich persönlich hat Gertz' Plädoyer getroffen. War ich zunächst verärgert über die steilen Thesen und bereit, sofort in den Verteidigungsmodus zu wechseln, konnte ich im Nachgang nicht umhin, seine Beobachtungen zu bestätigen.

Aber, ist es wirklich so, dass wir aus jeder Website einen Augenschmaus, eine visuelle Multimedia-Erlebnisfahrt machen müssen? Oder ist gut nicht auch einfach gut genug?

(Quelle: Louder Than Ten)

Was zeichnet ein gutes Design aus?

Gutes Design ist nun mal langweilig

Matthew Ström

Matthew Ström, Designer bei der New Yorker Webentwicklungsschmiede Planetary, sieht die Sache ganz anders. In seinem Beitrag auf Medium erläutert er, wieso es geradezu ein Qualitätsmerkmal von Design ist, langweilig zu sein. Er sagt, dass gutes Design nun mal von Natur aus langweilig sei.

Als Beispiele führt er das Trading-Dashboard von Bloomberg und das selbstfahrende Google Car, inzwischen in das Waymo-Projekt überführt, an. Bloombergs Dashboard ist der Marktführer unter den Finanztransaktions-Apps an den Börsen der Welt. Auf den unbedarften Betrachter wirkt es vollkommen überladen und unübersichtlich: Es gibt keinen Whitespace und keine ungewöhnlichen Ideen mit Aha-Effekt, kein Denken außerhalb der Box.
Bloombergs Dashboard ist auf eine langweilige Weise darauf optimiert, seinen Benutzer zum Ziel zu bringen. Alles, was nicht unbedingt dafür erforderlich ist, wurde weg gelassen. Aber ebenso wurde alles, was dafür erforderlich ist, eingebaut. So entstand ein Finanz-Cockpit mit erheblicher Lernkurve – was aber, wenn man es denn einmal beherrscht, keine Wünsche mehr offen lässt.

Laut Ström definiert sich gutes Design dadurch, dass man es als solches nicht wahrnimmt. Vielmehr helfe es einem, ein definiertes Ziel schnellstmöglich zu erreichen. Je weniger uns das Design dabei im Wege stehe, desto besser.

(Foto: Medium.com)

Und was ist mit Webdesign?

Webdesign ist tot.

Sergio Nouvel

Sergio Nouvel vom UX Magazine hat eine klare Meinung und teilt sie mit der Welt in diesem Beitrag auf Mashable. Nouvel proklamiert nicht weniger als den Tod des Webdesigns. Das klingt stark übertrieben, aber die Trends sind nicht zu leugnen.


Templates gibt es zuhauf kostenlos im Web, selbst kostenpflichtige Vorlagen sind für ein paar Handvoll Dollar zu haben. Sogar Designer greifen gern auf Templates zurück, um den Durchsatz realisierbarer Projekte zu erhöhen. Zum Für und Wider des Template-Einsatzes schrieb ich bei Dr. Web jüngst einen längeren Beitrag.
Muster für das Design gleichartiger Vorgänge sind etabliert und lassen wenig Raum für kreative Sperenzchen. Es empfiehlt sich auch nicht, das gewohnte und funktionierende Konzept heutiger Warenkörbe neu zu erfinden. Die Chancen stehen gut, dass die Besucher es mit Umsatzverlusten honorieren würden.


Vor allem für kleinere Unternehmen sind Facebook Pages zu einer Alternative zur eigenen Homepage geworden. Sämtliche Interaktions-Optionen sind an Bord und um das Design muss man sich nicht kümmern. So betrachtet ist Facebook quasi die Schuluniform unter den Unternehmenswebsites.
Smartphone-Apps und mobile Webseiten graben der opulenten Selbstdarstellung der eigenen Marke zunehmend das Wasser ab. Das sagt nicht nur Nouvel, auch etliche Studien unterstützen und unterstreichen diesen Trend. Gepaart mit der steigenden Informationsdichte im Netz führt das dazu, dass Nutzer immer stärker optimierte, gleichzeitig aber reduzierte Systeme zur unkomplizierten Informationsaufnahme benötigen. Das Stichwort lautet "Headless".

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Ende der 90er baute ich mit meiner kleinen Webagentur Seiten, die Besucher zum Staunen bringen sollten. Wenn dem Betrachter der Mund offen stehen blieb, dann war uns der Stolz anzusehen. Nicht umsonst war damals "Flash" der Königsweg im Design – zielorientiert und schnell war das behäbige Monster aus dem Macromedia/Adobe-Stall schließlich noch nie.
Heutzutage staunt aber keiner mehr übers Design. Natürlich muss die Optik professionell und zeitgemäß wirken – wenn sie denn überhaupt zur Kenntnis genommen werden kann. Das Web verschwimmt hinsichtlich seiner Grenzen und integriert schon seit längerer Zeit mehr Schnittstellen als den Computermonitor, der Ende der 90er noch die einzige Möglichkeit der Teilhabe war.


Alles in allem hat Nouvel natürlich Recht, soweit er die Veränderungen und Trends der kommenden Jahre anspricht. Allein die Schlussfolgerung, dies führe zum Tod des Webdesigns, erscheint mir dann doch etwas überzogen.

Um ihm nicht vollends Unrecht zu tun, sei noch einmal klarstellend gesagt, dass er zwar den Tod des Webdesigns, aber das Aufblühen des UX-Designs vorhersagt. Dabei unterschlägt er, dass UX-Design Teil eines jeden Designprozesses, genau genommen sogar Kern des Webdesigns ist.

Webdesign ist nicht tot!

Vitaly Friedman

Vitaly Friedman vom Smashing Magazine inspirierte Nouvels Artikel zu einer Antwort. In dieser Replik greift er unter anderem den von mir letztgenannten Punkt auf und macht deutlich, dass es niemandem nütze, die Design-Community in kleine Lager aufzuspalten. Nur gemeinsam sei man letztlich zu den Innovationen fähig, die die letzten 15 Jahre im Web gezeitigt hätten.

Wie man ihn kennt, geht es Friedman um eine ausgewogene Betrachtung und das Vermeiden von Absolutismen. So seien Tools nie gut oder schlecht, ebenso wenig wie Lösungen per se gut oder schlecht seien. Vielmehr käme es schlicht zu häufig vor, dass man das falsche Tool verwende oder eine Lösung zu implementieren versuche, die vermeintlich einen Deckel für alle Töpfe biete, was aber letztlich nicht so einfach sei.

Wie Gertz plädiert auch Friedman für mehr Storytelling, wobei unklar bleibt, ob damit vor allem der inhaltliche oder doch eher der gestalterische Ansatz oder im besten Falle eine perfekte Symbiose beider gemeint ist.

Design

Gleichartigkeit im Design

Alles sieht gleich aus.

Yugene Lee

Einen ganz pragmatischen Ansatz vertritt Designer Yugene Lee in diesem Medium-Beitrag. Klar sehe alles gleich aus, erklärt er ohne Umschweife. Das läge im Wesentlichen daran, dass auch alles gleich ist. Immerhin sei man als Designer kein Künstler, sondern jemand, der einem bestimmten Zweck diene. Und aus eben diesem ergebe sich der Lösungsansatz.

Nüchtern stellt Lee verschiedene benachbarte Design-Bereiche, etwa das Produktdesign, vor und zeigt auf, dass Gleichartigkeit im Design schon immer üblich war und sich auch aus dem zu erreichenden Ziel eines jeden Projekts quasi automatisch ableiten ließe.
Wenn etwas funktioniere, dann funktioniere es eben, so Lees Credo. Überhaupt würde sich kein Mensch außerhalb der Design-Sphäre für die Fragestellung, ob und warum etwas gleich aussähe interessieren. Der Benutzer unserer Webseiten wolle einen bestimmten Zweck mit seinem Besuch erfüllt sehen und schere sich nur dann um die Optik, wenn sie ihn bei der Zielerreichung behindere.

In einem weiteren Beitrag setzt sich Lee mit dem Unterschied zwischen ansprechendem und transparentem Design auseinander. So sei etwa das iPhone ein Beispiel für schönes Design und als solches gut gemacht, ein Fingernagelklipper jedoch sei ein Beispiel für großartiges Design.
Während das iPhone zwar schön sei, sei der Nagelklipper eher unansehnlich, dabei aber hochfunktional und absolut selbsterklärend in der Nutzung – eben ein transparentes Design. Während sich das iPhone Jahr für Jahr fortentwickeln müsse, um weiterhin attraktiv zu bleiben, hätte sich der Klipper in 100 Jahren praktisch nicht verändert.

Lee suggeriert auf diese Weise, dass es eine Art ultimatives Design geben muss, das – einmal erreicht – nicht mehr verbessert werden kann. Das mag für den Nagelklipper gelten. Im Allgemeinen melde ich persönlich jedoch Zweifel an. Wie seht ihr das?

Und was ist mit der Individualität?

Bringt die Individualität zurück!

Ryan Scherf

Der Designer und Entwickler Ryan Scherf setzte sich ebenfalls mit dem Thema auseinander und schrieb seine Gedanken in den Adobe-Dreamweaver-Team-Blog. Scherf beobachtet übereinstimmend einen starken Trend zur Design-Monokultur, führt das Entstehen selbiger aber hauptsächlich auf Apple und sein iOS zurück.

(Collage: Adobe Dreamweaver Team Blog)

Vor iOS7 sei der Skeuomorphismus das Maß aller Dinge gewesen. Durch die möglichst naturgetreue Nachbildung realer Szenarien hätte man sich teils noch gut von anderen abheben können. Die Einführung minimalistischer Designkonzepte seit iOS7 habe indes dazu geführt, dass kaum noch Differenzierungsmöglichkeiten gegeben seien.


Sein Rezept, damit umzugehen, mündet in den Aufruf, sich auf seine kreativen Fähigkeiten zu besinnen und aus der Monokultur auszubrechen. Immerhin würden neue Wege immer erst dann gegangen, wenn einer den ersten Schritt gemacht hat.

Webdesign ist komplett langweilig geworden.

Owen Williams

In diesem Beitrag auf „The Next Web” schlägt Owen Williams in die exakt gleiche Kerbe. Die URL des Beitrag endet bezeichnenderweise auch auf zzzzzzzz. Nach Williams sieht die Standardwebsite heutzutage nämlich so aus:

(Illustration: Owen Williams)

Williams identifiziert moderne Frameworks, allen voran Bootstrap als Treiber dieser Monokultur im Design. Tatsächlich erhalten wir über 28.000 Ergebnisse, wenn wir auf der Template-Plattform von ThemeForest nach Bootstrap suchen.

Sollten wir aber tatsächlich Websites wie dieser hier nachtrauern?

Die Space-Jam-Website ist immer noch aktiv. (Warner Bros.)

Ein bisschen mehr Mut zu maßvoller Andersartigkeit im Design könnte jedoch einen gelungenen Kompromiss darstellen.

UX-Design als formale Disziplin?

UX-Design tötet den Markenkern!

Kim Jong Andersen

Kim Jong Anderson, dänischer Designer und Gründer, vertritt ebenfalls eine klare Meinung. Dieser zufolge killt jedwedes UX-Design den Markenkern eines Unternehmens, weil es gleichmacherisch wirkt und wirken muss. UX-Design sei eine eher formale Disziplin, argumentiert er. Sie sei geradezu darauf aus, die gleichen Prinzipien auf alle Websites anzuwenden. Immerhin seien nur so wiedererkennbare Muster, an denen sich Nutzer orientieren können, möglich.
Empirik stattet den UX-Designer mit objektivem Wissen darüber aus, wo der Nutzer am ehesten klickt, wie lang der Weg zum Ergebnis sein darf und wie Information und Navigation aufgebaut werden sollte.

Logisch sei, dass unter Anwendung derartiger Prinzipien tendenziell ähnliche Websites entstehen. Anderson spricht sogar wenig schmeichelhaft vom „Template-Syndrom“. Alles werde vorlagengleich erschlagen und angepasst.

Für den Webdesigner bleibe dann nicht viel mehr zu tun, als die Wireframes des UX-Designers etwas aufzuhübschen und mit Farben zu versehen – ähnlich dem Ausmalen eines Malbuchs. Und, auch wenn das alles vollkommen logisch erscheine und Kunden sowie Kollegen gleichermaßen gut zu verkaufen sei, könne es dennoch nur die falsche Vorgehensweise sein.

Denn heraus käme niemals herausragende Arbeit. Stattdessen würde das Ergebnis stets austauschbar wirken, langweilig sein, sich nicht von der Masse anderer abheben.
Marken hingegen müssten doch versuchen, zu begeistern. Sie sollten die Erwartungen ihrer potenziellen Kunden noch übertreffen, innovativ und mitreißend sein. Aus überzeugter Langeweile würde keiner auf einer Website bleiben, da bedürfe es besserer Argumente.

Anderson empfiehlt daher, den Markenkern stärker ins Zentrum des Entwicklungsprozesses zu stellen. Sollte es erforderlich sein, dafür die Templates zu verbrennen, so müsse man das halt tun. Standardisierung sei zwar sicherlich gut, wenn man die finanziellen Aspekte betrachte, aber Kreativarbeit sei nicht wie am Fließband zu erledigen. Und selbst wenn es anders wäre, es täte dem Ergebnis jedenfalls nicht gut.

Damit ist in der Tat gestalterisch kein Blumentopf zu gewinnen. (Foto: Pixabay.com)

Sein Vorschlag ist daher: Die Positionen des Art Directors und die des UX-Designers in einer Stelle vereinen. Für Einzelkämpfer bedeutet das, den Künstler wieder stärker das Ruder übernehmen zu lassen und nicht von vornherein die vermeintlich vernünftige Best Practice in den Vordergrund zu stellen.

Emotionalität vor Rationalität – so lässt sich Andersons Appell wohl zusammenfassen. Aber stimmt es, dass Rationalität den Markenkern tötet?

Emotionalität und Rationalität als Gegenspieler?

Ich persönlich denke, dass hier durchaus mehr Differenzierung angezeigt wäre. Nicht jede Marke ist hochemotional aufgeladen und benötigt einen mitreißend begeisternden Webauftritt. Im Gegenteil dürfte es für die allermeisten Marken eher der seriös zurückhaltende Weg sein, der mehr Erfolg verspricht und sicherlich auch vom Kunden erwartet wird. Wenn der Finanzdienstleister einen unkonventionell unvergesslichen Auftritt hinlegt; will ich das als Kunde?


Andersherum darf sich etwa Coca-Cola nicht wie ein Steuerberater präsentieren. Ich sehe allerdings diese Problematik tatsächlich gar nicht. Sicherlich gibt es handwerklich einwandfreie, aber stinklangweilige Internetauftritte. Ob da der UX-Designer der Schuldige ist, der aus rationalen Erwägungen heraus den Markenkern vernichtet hat, würde ich bezweifeln – da waren vermutlich einfach schlechte Designer am Werk.

Es kann jedoch auf keinen Fall schaden, neben den „funktionierenden Mustern“ und „Best Practices“ den emotionalen Aspekt nicht zu vernachlässigen. Macht das Design Freude? Prägt es sich ein? Passt es zur Marke? Erzeugt es Sympathien? Kaufentscheidungen passieren immerhin viel eher aus dem Bauch heraus.

Wichtig wäre daher eine Kombination aus erprobtem UX-Design und der Fokussierung auf den Markenkern. Das von Anderson schlicht dargestellte „Entweder-oder“ ist ebenso wenig zielführend wie eine einseitige Reduktion auf langweilige Standard-Templates.

UX-Designer wundern sich

UX-Designer würden sicherlich zusätzlich einwenden, dass sie es gerade als ihre Aufgabe ansehen, die User Experience – die Benutzererfahrung – zu optimieren und dass es dazu natürlich auch der Einbeziehung der Besonderheiten einer Marke bedarf. Nur wenn rationale und emotionale Aspekte gleichermaßen Berücksichtigung finden, ist die Benutzererfahrung wirklich gut.

(Foto: Pixabay.com)

Unter diesem Aspekt betrachtet, scheint Anderson mehr schlechte als gute UX-Designer zu kennen. Oder ist der durchschnittliche UX-Designer tatsächlich ein stocksteifer Bürokrat, der Interfaces streng nach Checklisten baut?

Fazit: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

Wie sieht es denn jetzt aus in der Design-Landschaft? Meiner Meinung nach liegen sämtliche hier zu Wort gekommenen Designer richtig. Die Unterschiede sind nur auf den ersten Blick groß. Denn letztlich spricht kaum einer der Diskutanten tatsächlich vom gleichen Problemkreis.

Ja, das visuelle Storytelling im Web steckt noch in den Kinderschuhen, da hat Gertz schon Recht. Andererseits passt der Ansatz nicht auf jedes Projekt. Vielfach ist es gut, wenn das Design nicht von der Funktionalität ablenkt. Da stimme ich Ström und Lee zu. Von daher ist Langeweile manchmal gut und manchmal schlecht.

Kreativität ist sogar eher darin zu entdecken, etwas, ohne dass es großartig auffällt, funktionieren zu lassen. Das ist immerhin der Kern des UX-Designs. Der Begriff umfasst überdies weit mehr als die bloße Optik. Andersen übertreibt meiner Meinung nach an der Stelle ganz deutlich und übersieht zudem den Umstand, dass gutes UX-Design auf den Markenkern aufsetzen muss. Insoweit kann es nicht unabhängig davon agieren und die Befürchtung, eben dieser Markenkern könnte Schaden nehmen, ist nahezu absurd.

Wenn wir von Webdesign sprechen, sollten wir uns bewusst sein, dass wir eine Reihe untergeordneter Disziplinen ansprechen. Diese stehen aber nicht in Konkurrenz zueinander oder drohen, sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Vielmehr sind sie Facetten des gleichen Begriffs und insofern ist es völlig normal, dass mal die eine, mal die andere Facette mehr Gewicht erhält.
Uniformität im Design ist nicht grundsätzlich zu beklagen. Vorgefertigtes gibt es in anderen Bereichen ebenso. Ob es nun die Dosenravioli sind, die der eine liebt, der andere hasst oder der Nadelstreifenanzug, den der in einem Geschäft kauft und der andere sich schneidern lässt. Weder Köche noch Schneider sind bislang als Berufsstand in Elimination begriffen.

Wenn wir als Designer mal ganz ehrlich zu uns selbst sind, dann wollen wir Kunden mit Budgets in Happy-Meal-Größe doch gar nicht haben. Sollen die ihren Bedarf gerne über einen Selbstbaukasten decken. Und wenn dabei eine ansehnliche Seite rauskommt, ist allen gedient.
Spätestens dann, wenn es komplexer wird, etwa Geschäftslogik abgebildet werden muss, bleiben professionelle Designer und Entwickler im Boot. Dann mag die Optik sich immer mehr ähneln, die Funktionalität bleibt jedoch anders.

Wie seht ihr das? Seid ihr vielleicht auch Designer und vertretet einen klaren Standpunkt? Dann lasst uns dran teilhaben und erzählt es uns in einem Kommentar! ;-)

Kommentare

  1. Florian Schütz am
    Was Gertz und andere nicht beachten ist die Dynamik, Intention und Komplexität von Webseiten.
    Print ist statisch: Definierte Formate, feststehende Erscheinungstermine, homogener Content und Profis die diesen produzieren.
    Web ist dynamisch: Unterschiedliche Viewports & Geräte, hochfrequenter nicht homogener Content der unter anderem aus Kostengründen nicht von Profis produziert wird sowie Vorgaben über Suchmaschinensichtbarkeit und Komptabilität machen jedes Webprojekt um ein vielfaches komplexer als Printprojekte.
    Die hohe Komplexität sorgt dafür, dass man Kompromisse beim Design eingehen muss. Das Resultat dieser Kompromisse mag Gertz als Schuluniform bezeichnen. Der geforderte „Mut zum Risiko“ ist im Web schnell zum „Mut zur Dummheit“. Übernehmen Designer wie Gertz das wirtschaftliche Risiko, wenn das gute Google Ranking eines Webshops der Schönheit des Designs geopfert wird?
    Die Forderung „Inhalte professionell zu produzieren“ zeigt, dass Gertz nichts begriffen hat. Genau hier liegt der revolutionäre Vorteil des Webs: Jeder kann Inhalte zu minimalen Kosten produzieren, es bleibt nicht nur einer Kaste der Wissenden und Reichen vorbehalten. Seiten wie „Wikipedia“ oder „Wikileaks“ sind zwar ein designtechnischer Super-GAU haben aber gesellschaftliche Relevanz. Relevanz die Gertz gerne hätte aber ihm verwehrt bleibt.
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