Interview: Was UX mit Nachhaltigkeit zu tun hat

Hallo Thorsten! Stell dich unseren Lesern doch einmal vor.

Ich bin Thorsten aus Hamburg und bin seit vielen Jahren − man kann sogar schon sagen Jahrzehnten − im digitalen Umfeld unterwegs. Ich habe lange in einer Digitalagentur gearbeitet und mich dort um den Bereich UX und Kreation gekümmert. Dabei ging es viel um die digitale Strategie und was man sonst alles noch unter Digitalisierung versteht. Ich habe dabei mit den verschiedensten Kunden zu tun gehabt. Aktuell bin ich im Bereich E-Mobilität unterwegs und kümmere mich gerade um die Digitalisierung von E-Scootern. 

Wie erlebst du Unternehmen im Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit?

Viele Unternehmen müssen noch lernen, dass sich das Thema Nachhaltigkeit auch aus wirtschaftlicher Sicht lohnt. Dass eben die Themen Klima, Ökologie und Wirtschaft auch Hand in Hand gehen können. Es sind Bereiche, die man nicht separat voneinander sehen sollte.

Außerdem stelle ich fest, dass zwar viel über CO2-Emission und Energieverbrauch gesprochen wird, doch wenn es dann wirklich „ernst“ wird, könnte tatsächlich oft mehr getan werden. Auch, dass sich gute CO2-Bilanzen einfach per CO2-Kompensation kaufen lassen, finde ich problematisch. All die Bäume, die z. B. als Kompensation gepflanzt werden, brauchen erst einmal ein paar Jahre, bis sie gewachsen sind. Anstatt sich nur grün zu kaufen, muss man seine ganze Einstellung überdenken und das wirklich leben.  
 

Zum Beispiel: Nicht mehr fliegen. Oder zu Gunsten eines Fahrrads, wo immer möglich (auch der Chef), auf den Firmenwagen ganz verzichten anstatt nur auf Elektroantrieb umzusteigen. Denn natürlich ist ein Elektroantrieb besser in der CO2-Bilanz als ein Verbrenner und ein guter Schritt. Aber die Energie muss trotzdem erzeugt werden und das wird sie auf absehbare Zeit eben noch nicht komplett erneuerbar. Das heißt − wenn möglich − ist mit dem Rad zu fahren einfach immer noch besser.

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Wie bringst du denn dieses Thema ganz konkret mit ins Spiel? Ein Argument von uns ist zum Beispiel, dass Dinge, die Webseiten nachhaltiger machen, sie meist auch schneller machen.

Ja, da hätte ich ein gutes Beispiel zum Thema Webdesign: das verfluchte Karussell (Anmerkung der Redaktion: auch Slider genannt), was jeder sicherlich von Websites kennt. Niemand schaut sich an, was an zweiter, dritter oder am besten noch an vierter Stelle zu sehen ist. Dieses Element ist super unnachhaltig, weil unendlich mehr Daten geladen werden müssen. Es macht die Seite deutlich langsamer und es wird sinnloserweise Energie verschwendet. Und das ist natürlich etwas, wo ich mir als Designer sage: Sowas baue ich erst gar nicht mehr ein. Meistens kann ich den Kunden auch davon überzeugen, dass ihm der Einsatz keinen Vorteil bringt und die Seite ausbremst, wenn dann doch mal jemand nach dem Element fragt. Aber ich finde, da können Designer und Entwickler bereits beim Thema Nachhaltigkeit ansetzen. Das ist ein kleines Stück vom Puzzle, aber wenn alle mitmachen, kommt schon Einiges zusammen. So kann jeder etwas in seinem Arbeitsalltag für das Thema Nachhaltigkeit tun.

Viele würden da sicherlich argumentieren, dass das ja Peanuts sind. Was sagst du solchen Leuten?

Ich nehme dann immer gerne Beispiele, die für den Kunden greifbarer sind. Wenn ich z. B. das ressourcenintensive Element auf einer Website benutze, wie weit kann ich mit diesem CO2-Verbrauch fliegen? Das kommt meisten eher in den Köpfen an.
 

Ein Freund von mir hatte so eine schöne Hochrechnung für Twitter, die benutze ich sehr gerne in Präsentationen. Laut seiner Rechnung kostet ein Tweet ungefähr 0,02 Gramm CO2. Und 350.000 Tweets werden pro Minute gesendet. Das sind also 7.000 Gramm CO2 pro Minute nur mit Tweets, die gesendet werden. Das bedeutet 10 Milliarden Gramm CO2 Emission, wenn man es auf einen Tag hoch rechnet. Das ist so viel wie, als ob eine Person 40 Mal die Strecke von Hamburg nach London fliegt. Nur mal um so eine Dimension zu haben. Kleinvieh macht eben doch Mist.

Gibt es auch Momente, in denen du mit dem Thema Nachhaltigkeit beim Kunden richtig scheiterst?

Ich könnte euch jetzt nicht das eine Beispiel geben bei dem ich sagen würde, hier hat es gar nicht funktioniert. Aber natürlich gibt es immer Leute, die aufgeschlossen genug sind, zuzuhören, und andere, die das nicht gut können oder wollen. Der Punkt ist aber auch: Gerade die, die sich schwer tun, sind die, an die wir „ran müssen“. Wir können nicht alle in Firmen arbeiten, die schon super nachhaltig sind, wie z. B. Mittwald. Es gibt viel mehr von denen, die es nicht sind und irgendwer muss diesen Unternehmen helfen, sich zu ändern. Und das hat natürlich auch mit Auseinandersetzung und Konflikt zu tun. Letztendlich muss jeder für sich schauen, was sie / er leisten kann. Jede(r) muss ihre / seine Grenzen selbst festlegen und entscheiden, in welche Herausforderungen sie oder er gehen kann und möchte. Denn man muss auch mit und für sich selbst nachhaltig sein. Und ich sage das als jemand, der selbst durch die ganze Burnout-Spirale gegangen ist.

Wir können nicht alle in Firmen arbeiten, die schon super nachhaltig sind, wie z. B. Mittwald. Es gibt viel mehr von denen, die es nicht sind und irgendwer muss diesen Unternehmen helfen, sich zu ändern."

Thorsten im Gespräh

Du gehst mit dem Thema Burnout sehr offen um. Wie reagieren Unternehmen darauf, bei denen du dich vorstellst?

Natürlich muss es einem selbst angenehm sein, über die eigen Burnout-Erfahrungen zu reden. Mir hilft es dabei, bei einer Firma schnell zu erkennen, wie die Verantwortlichen ticken. Das ist ein super Gradmesser um zu erkennen, wie gehen die eigentlich mit dem Thema Nachhaltigkeit gegenüber ihren Mitarbeitern um? 

Du hast im letzten Jahr auf der virtuellen Adobe MAX einen Vortrag mit dem Titel „The UX of Burnout“ gehalten, in dem du von deinen Erfahrungen berichtet hast. Das ist ein mutiger Schritt. Wie war das Feedback darauf?

Ich habe fast durchweg positive Reaktionen darauf bekommen. Toll war auch, dass ganz viele Leute mit ihren Geschichten auf mich zugekommen sind. Da bekommt man dann erst mal mit, wie wichtig das Thema eigentlich ist und wie viele Menschen davon betroffen sind. Und ich sehe schon, dass sich bei einigen Unternehmen das Mindset ändert. Allerdings ist „Mindfulness“ in letzter Zeit auch so eine Art Trendthema geworden: Viele schreiben sich das auf die Fahne und was wirklich dahintersteckt, ist eine andere Geschichte. Um es mal etwas überspitzt zu sagen: Es reicht nicht, mal eben einen Yoga-Raum bereitzustellen. Es hat sehr viel mehr mit dem Miteinander untereinander zu tun und mit der Kultur, die gelebt und auch von Vorgesetzten vorgelebt wird. Mit anderen Worten: Es bringt ja nichts, wenn da jetzt ein schicker Yoga-Raum existiert, solange niemand hingeht. Meiner Meinung nach sind gerade im Führungsbereich noch zu viele alte Muster vorhanden. Da kümmert sich eine Leitung halt in erster Linie um die Einhaltung eines Ziels, das von der Geschäftsführung vorgegeben wurde, aber nicht immer so sehr um das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Und eigentlich sollte das eine der Kernaufgaben einer Führungsposition sein, nämlich zu sehen, wenn es jemandem im eigenen Team nicht gut geht.

Du hast deinen Weg aus dem Burnout gefunden. Auch, weil du dir einige Herzensthemen vorgenommen hast, wie z. B. die nachhaltige UX. 

Ja, das ist etwas, bei dem ich mein Wissen und meine Erfahrung einbringen kann und zwar an einer Stelle, an der es meiner Meinung nach wirklich gebraucht wird. In einer Gruppe von acht talentierten und engagierten Leuten erarbeiten wir ein Manifest, das Sustainable UX Manifesto. Dieses soll kein starres Dokument sein, sondern eine Art Vorlage, die von der Community verwendet werden kann um gemeinsam nachhaltiger zu agieren. Auf der Adobe MAX Ende Oktober werde ich zu diesem Thema sprechen. Und für November planen wir den „globalen Kickoff“. Das Ziel ist, das Ding so auf die Straße zu bringen, dass wir sagen können: Nehmt das und arbeitet damit. Gebt es weiter, teilt es und lasst uns so alle zusammen einen Beitrag für unser Klima leisten.

Wir wollen damit kleine, pragmatische, praktische Tools erschaffen, die Leute auch wirklich in ihrem täglichen Doing nutzen können. Und wenn nur eine Person etwas mit unserem Manifest anfangen kann, dann haben wir schon ein bisschen was bewirkt und ich glaube darum geht es auch immer. Man kann nie den Schalter umlegen und sagen: Jetzt ist alles super. Es sind immer viele kleine Schritte, die man gehen muss.

Da können wir nur zustimmen. Vielen Dank für das Gespräch, Thorsten!

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